Schweigend

Er dachte nicht weiter darüber nach, jedenfalls versuchte er ihr und sich selbst das vorzumachen. Was sollte er denn auch sonst tun ? Es gab nichts; abgesehen davon, diese Buchstaben zu studieren und sie sich einzuprägen. Er würde sie eh am Ende vergessen und dieses ganze Szenario blieb nur eine der vielen Facetten in seiner Seele. Aber bitte, er konnte sich bloß beschweren. Zu was anderen war man im Moment ja nicht in der Lage. Sie gehörte nicht ihm, er hatte sie nicht gekauft oder so etwas. Da stand ihr die eigene Meinung zu und entscheiden, was sie für das Beste hielt, musste sie selber, leider. Vielleicht war das nie wirklich das Richtige gewesen. Und vielleicht sollte er sie endlich einmal ablösen lassen. Wer weiß, wenn er nicht weiter über sie nachdenken brauchte, konnte er andere Vorzüge des Lebens ausprobieren. Mit ihr hatte er keine guten Erfahrungen, Frauen waren sowieso das Letzte. Inzwischen. Außer natürlich die Huren. Aber die blieben auch Huren und waren auch nur für das Eine geschaffen. Er schloss die Augen, nachdem sie sich verflüchtigt und er eine ganze Weile die Wand angestarrt hatte, während er den Geräuschen lauschte, die leise aus der Küche zu ihm drangen. Oh Mann, wieso konnte sie das Ding nicht einfach töten ? Oder von ihm aus auch gerne in einen Korb stecken und die Themse runterkraxeln lassen. Woraufhin er hoffen würde, dass das Kind zwischen irgendwelche Schiffe geriet, an deren Wänden der Korb kaputt ging und der Junge ertrank, wenn die Mutter es nicht tun wollte. Nachdenklich fuhr er sich mit der Hand über den Mund und presste die Lippen aufeinander. Er würde schon abhauen, da durfte sie sich umsehen, und dann war er nicht da, wenn sie Hilfe suchte, weil sie alleine mit einem Klotz am Bein nicht klar kam. Er könnte sich immer noch einen anderen, lebendigen Zeitvertreib suchen, der ihn sie und diese bescheuerte, gemeinsame Zeit vergessen ließ. Wie zum Teufel hatte da überhaupt ein Kind entstehen können ?! Das war all die Jahre gut gegangen und sie sollte zum Teufel fahren für das, was sie ihm, Sydney, damit angetan hatte. Es machte ihn wütend und bekümmert zugleich. Die Melancholie und Sehnsucht nach dem, was davor gewesen war, wuchs, und es tat nicht einmal mehr so sein wie einst, weil da etwas existierte, was das unmöglich machte. Er hasste ihn wie er den Tod hasste und er hasste das, was mit ihm in Verbindung stand. Damit erhob er sich, legte das Buch auf den Tisch in der Raummitte und überlegte es sich nicht zweimal, noch einmal zu ihr zu gehen, bevor er aus dem Haus verschwinden und zusehen würde, dass man die Koffer zu Ende packte. Eigentlich war es schade, allerdings hatte sie es nicht anders gewollt und man konnte es immer noch als gute, alte Zeit betrachten, wenn man wollte. Was er nicht wollte. Aber was sie vielleicht wollte. Nein, dazu war er nicht fähig. Dieses Zusammensein hatte ein schlechtes Resultat mit sich gebracht und an so was wollte er sich nicht erinnern. Seiner entfernten, anverwandten Cousine widmete er kein Interesse, alldieweil er sonst abgelenkt war und nicht dazu fähig gewesen wäre, auf das dumme Mädchen zu zugehen, weil ihm das zu unangenehm schien. Also war es das Beste, sie nicht wahrzunehmen, als er sich zu der kläglichen Person aus Plymouth mit der Missgeburt in den Händen vorneigte, noch flüchtig ihre Schläfe geküsst, bevor er ihr schließlich ein „Tu doch, was du willst“ zuhauchte und leise ankündigte, sie dürfe weder einen Gedanken an ihn verschwenden noch zu ihm zurückkehren, solange dieses Etwas lebte. Also ging er schließlich, und das, was ihm davon blieb, kaum war er aus der Tür gegangen, war das, was er sich von dem Geruch, der sie umgab, ins Gedächtnis rufen konnte. Vermischt mit dem Gestank eines Tieres, das er nicht auszustehen vermochte und am liebsten tot sehen wollte. Er nahm die Finger von dem Griff der Haustür und sah nach links die Gasse runter. Es war nicht weit zu Misses Swofford und den paar geifernden Hühnern, süchtig und abgestimmt auf Geld, aber dennoch war es besser, fand er, einfach den nächsten Zug zu nehmen. Gott, Nutten gab es an der Küste auch genug. Deswegen besaß er kein schlechtes Gewissen, jemanden im Stich zu lassen oder etwas falsch zu machen, wenn er direkt nach Hause spazierte. Stillschweigend, die Hände wieder in den Taschen, senkte er den mehr kalten als verzweifelten Blick, und tat einen Schritt nach dem Anderen. War ihm egal.
und still am 14.3.07 20:43


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